Archiv | Januar, 2012

Der Moment war gekommen…

27 Jan

Lagertor...

Heute ist der sog. Holocaust – Gedenktag. Es wird der „Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz“ gedacht. Es stellt sich die Frage, ob von einer „Befreiung“ überhaupt gesprochen werden kann angesichts der Tatsache, daß das Lager am 27. Januar 1945 bereits weitgehend aufgelöst war. Diesbezüglich zitiere ich einen Erlebensbericht des Lagerinsassen Bernard Klieger:

„Eines Tages, 13. Januar 1945, war es so weit. Die russische Offensive hatte begonnen. Auf der gesamten Ostfront, von Kurland bis zu den Beskiden. Aus ihren Brückenköpfen bei Baranow südlich Warschau stießen die Russen vor. Fiebernd verfolgten wir die Meldungen, wissend, daß unser eigenes Schicksal nunmehr eng verbunden war mit den Kriegsereignissen. Das, was wir in den Zeitungen zu lesen bekamen, erfüllte uns mit freudiger Genugtuung, obwohl uns das Herz bang dabei klopfte. Wir erfuhren, daß die Russen durchgebrochen waren, daß sie sich Czenstochau näherten, daß sie vor Krakau stünden, und auch in den Westbeskiden, also südlich von uns, vorstießen. Auschwitz war nun von drei Seiten aus bedroht..Die Stunde von Auschwitz hatte geschlagen, aber auch unsere eigene. Jetzt mußte die Entscheidung über unser Schicksal fallen. Äußerlich war im Lager selbst nichts zu merken. Die Kommandos rückten beim Klange der Marschmusik wie gewöhnlich aus und ein. Appell fand allabendlich statt, und die SS tat, als ob nichts geschehen sei. Aber es ging ein Raunen und Flüstern durch das ganze Lager, und es schien uns, als ob selbst die Balken knisterten. Wie Schlafwandler gingen wir umher, mit halber Seele waren wir bereits im Jenseits. Dann fiel die Entscheidung – nicht unerwartet und doch plötzlich…Um 4 Uhr wurden wir alle geweckt , und man sagte uns, daß wir uns für den Abmarsch aus dem Lager bereithalten müßten. Die Würfel waren gefallen. Wir wurden also nicht umgelegt, sollten das Lager verlassen….Wir rüsteten fieberhaft für die Reise. Schlafdecken wurden zerrissen und Rucksäcke daraus angefertigt. Jeder suchte seinen persönlichen Kram zusammen, um ihn mitzunehmen. Decken wurden zusammengerollt und so geknotet, daß man sie um den Hals tragen konnte…Gegen 7 Uhr wurden die fünfzehnhundert Häftlinge gerufen, die auf der angefertigten Liste standen. Jeder von ihnen bekam so viel Wäsche, als er nur wollte. Neue Anzüge, Pullover, Mäntel gab man ihnen…Gegen 10 Uhr marschierten die fünfzehnhundert ab. Nachmittag gegen 2 Uhr mußten die anderen antreten. Zurück blieben nur noch die Blockältesten, Blockschreiber und verschiedene andere Personen, die man im Lager noch notwendig hatte. Auch an uns verteilte man neue Kleidungsstücke, und in der Kantine konnten wir soviel Zigaretten kaufen, als wir Prämienscheine hatten. Die Magazine von Auschwitz wurden geleert. Man gab die Sachen lieber uns, als daß man sie den Russen überließ. Außerdem sollten wir sie ja garnicht behalten, wir waren eigentlich nur Gepäckträger. In dem Lager, in das wir kommen sollten – man sprach von Groß – Rosen bei Liegnitz – würde man uns bestimmt wieder alles abnehmen. Man gab uns Seife, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten, gute, 72 %ige Kernseife, und wir stopften uns die Taschen damit voll. Streichhölzer wurden ausgeteilt, neue Schuhe, Pullover in feinsten Qualitäten. All das, was in Deutschland und sonstwo zu den größten Raritäten gehörte, war in den Magazinen von Auschwitz in Hülle und Fülle aufgestapelt. Die Blöcke 22 und 23 waren seit einigen Wochen von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Man hatte in ihnen Frauen aus Birkenau untergebracht, die man durch einen Zaun von uns isolierte. In den dadurch entstandenen geräumigen Höfen wurden wir nun zusammengepfercht. Die Frauen waren schon am Vormittag abtransportiert worden. Abends um 6 ließ man uns heraus. ..Gegen 10000 Menschen standen da, einer hinter dem anderen. Der Sinn dieser Anordnung wurde uns bald klar: Es wurde die Marschverpflegung ausgeteilt. Erst marschierten wir durch das Brotmagazin, und dann, nachdem jeder zwei ganze Brote erhalten hatte, kamen wir ans Tor, wo mit Kisten beladene Wagen standen, und empfingen dort eine Kilobüchse mit Fleischkonserven und einen Würfel Margarine. Dann schritten wir durch das Tor und wurden bei dieser Gelegenheit abgezählt: Vor dem Tor stellten wir uns in Marschkolonnen – in Fünferreihen – auf. Der Moment war gekommen, auf den wir so lange gewartet: wir verließen das Tor von Ausschwitz, um nie wieder zurückzukehren.“

( Bernard Klieger, Der Weg, den wir gingen, Reportage einer höllischen Reise, mit 10 Zeichnungen von Josette Cagnant, Verlag Codac Juifs, Bruxelles, 1961, S. 55 ff. )

1961 wurde das Ende des Lagersystems noch anders geschildert als heutzutage, auch die Erlebnisberichte von überlebenden Insassen „verschärfen“ sich von Tag zu Tag. Die Erinnerungs“kultur“ paßt sich dem an und erfindet die absurdesten Rituale, damit es  „Nie wieder“  geschehen kann. Kindergartenkinder zünden Kerzen an, Schüler besuchen Synagogen und Erinnerungsstätten, werden in den „Kampf gegen Rechts“ eingespannt. Da werden unter dem Titel „Kunst gegen Rechts“ mit einer Patina aus Blitzbeton Skulpturen gegen Rassismus geformt, wobei diejenige des 15 – jährigen Bünyamin beide Arme gen Himmel streckt. Als „Gegenentwurf  zum Hitlergruß“, wie die heutige WAZ emphatisch schreibt. Mitschülerin Lisa formt den von einer Schwangerschaft gewölbten Bauch einer Frau „als Zeichen und Wunsch, daß das Kind in eine gewaltfreie Welt geboren wird“ „Im Unterricht haben sich die Schüler der städtischen Realschule in Waltrop immer wieder mit rechter Gewalt und faschistischen Gedanken auseinandergesetzt.“

Hoffentlich ist ihnen dabei klar geworden oder im Bewußtsein geblieben, daß auch im Rahmen der quasireligiösen und liberaltotalitären Erinnerungskultur die Gedanken immer noch frei sind, wenn auch die Wahrheiten und die Worte von Bajonetten der Zensur, der Selbstzensur, des gesellschaftlichen Drucks und Strafgesetzen umstellt sind.

Mit allen meinen Kräften…

23 Jan

Friedrich der Große...

Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen, des Alten Fritz, König in und von Preußen, erlaube ich mir den etwas ungewöhnlichen Schritt, aus seinem Testament zu zitieren:

„Unser Leben ist ein flüchtiger Übergang vom Augenblick unserer Geburt zu dem des Todes. Während dieser kurzen Spanne Zeit hat der Mensch die Bestimmung, zu arbeiten für das Wohl der Gesellschaft, der er angehört. Seit ich zur Leitung der öffentlichen Geschäfte gelangt bin, habe ich mich mit allen meinen Kräften und nach Maßgabe meiner geringen Einsicht bemüht, den Staat, den ich die Ehre habe zu regieren, blühend und glücklich zu machen. Ich habe Gesetz und Gerechtigkeit herrschen lassen; habe Ordnung in die Finanzen gebracht; habe bei der Armee die Manneszucht eingeführt, durch welche sie vor allen Truppen Europas den Vorrang erhalten hat. Ich habe meine Pflichten gegen den Staat erfüllt.“

Dieser kurze Text zeigt uns schon den Abstand Friedrichs zu unseren heutigen Verwaltern. Er öffnet uns zugleich die Augen für die Erkenntnis, daß die Sieger über das Deutsche Reich 1946 nicht ohne Grund Preußen ausgelöscht haben: Das Preußentum ist die Aussaat für das sich immer wieder erneuernde Reich, das wir jetzt als unser inneres Reich in den Herzen tragen!

Zur Reichsgründung…

19 Jan

Ewig sei das Reich...

18. Januar 1871: Das Zweite Deutsche Reich wird gegründet. Bismarck hat die deutschen Fürsten nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich wenigstens zur „kleindeutschen Lösung“  – Deutschland ohne Österreich und andere deutsche Gebiete — zusammenbringen können. Der preußische König Wilhelm I. wird im Spiegelsaal zu Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Das Zweite Deutsche Reich – auch Bismarck – Reich genannt – gelangt in der Welt zu höchstem Ansehen, ruft aber auch insbesondere in England Neid hervor, der zur Mitursache für den I. Weltkrieg wird.

Unserem auch 1945 nicht untergegangenen, aber weitgehend nur noch in den Herzen lebenden, zum inneren Reich zurückgewichenen Reich, widme ich ein Gedicht von E.W. Möller:

Deutschland, heiliges Wort,

du voll Unendlichkeit!

Über die Zeiten fort

seist du gebenedeit.

Heilig sind deine Seen,

heilig dein Wald

und der Kranz deiner stillen Höhn

bis an das tiefe Meer!

Abgeblasen…

18 Jan

Bücher vernichten?...

Der tschechische Künstler Martin Zet hatte dazu aufgerufen, für eine Installation auf der Berlin – Biennale v. 27. April bis 1. Juli 2012 möglichst viele Exemplare von Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“  an Sammelstellen abzugeben. Anschließend sollten die Bücher der Wiederverwertung als Papier zugeführt werden. Die Aktion wird es nun vermutlich nicht geben. Zet: bis jetzt habe er noch kein einziges Buch erhalten. „Aber das Wichtigste ist passiert: Menschen haben Anteil genommen“, so der tschechische Künstler. Offenbar haben die Bücherbesitzer noch mehr Anteil genommen: Sie hängen so sehr an Thilo Sarrazins Buch, daß sie es nicht mehr hergeben wollen. Das kann ich nachvollziehen. „Kritiker der Aktion fühlten sich an die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen erinnert.“ ( WAZ 17.1.2012 )

Näheres hier: http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13817155/Verhasst-weil-er-Sarrazins-Buecher-vernichten-will.html

Lieber Herr Zet: in unserem Kulturbetrieb muß nicht jede denkbare Aktion von A – Z  durchprobiert werden. Nicht jede Frechheit, Würdelosigkeit, Absurdität muß Interessenten finden!

Verhöhnung…

14 Jan

Friedrich: "Baut Kartoffeln an!"...

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung ( WAZ ) zum 300. Geburtstag des Alten Fritz mit  einer Glosse unter dem Titel „Vom Alten Fritz“:

Alle feiern jetzt den 300. Geburtstag Friedrichs des Großen. Mein Eindruck: 300 ist so ungefähr die Grenze dessen, was die Deutschen noch zu feiern bereit sind. Zu allem, was vorher war, haben sie keine dolle Beziehung. So gilt als Kauz, wer die Geburtstage des Schiefen Fritz, Ottos des Freigiebigen oder Albrechts des Bären begeht.

Nur Flüchtiges hat Friedrich uns hinterlassen: Preußens Größe. Schlesien. Und ein Gemüse, das bald wieder aussterben wird. Ich seh es an meiner Dreijährigen: Sie wäre leichter für Schlesien zu begeistern als für Kartoffeln und erklärte, sie würde diesen König nur heiraten, wenn es bei ihm auch Nudeln gibt.

Doch Fritz aß Kartoffeln, zerdrückt und gebraten, vollgepumpt mit Butterflöckchen und Muskatnuss. Wir Heutigen würden keinen Bissen runterkriegen aus Angst um die Herzkranzgefäße. Anders Fritz – er muss das Zeug sogar seinen Hunden gegeben haben, warum sonst die Frage, ob sie ewig leben wollen?“  ( abe )

Wobei die Frage des Alten Fritz, ob man ewig leben wolle, nicht an seine Hunde ging. Es gab die Frage  s o   überhaupt nicht. Vielmehr soll er in einer Schlacht mangels Enthusiasmus der Soldaten gefragt haben: „Kerls, wollt Ihr ewig leben?“