Fatum Germaniae – aus dem deutschen Schicksalsbuch – 3 –

28 Mai

Germania

„“A mort! A mort! Nieder mit den Verrätern! Tötet sie!“ Die Menge gebährdet sich wie verrückt, erst nach und nach tritt wieder etwas mehr Ruhe ein, weil das jetzt beginnende Schauspiel die allgemeine Aufmerksamkeit fesselt. Mit Stricken werden die Sieben an die Pfähle gebunden, die Brust zum Pfahl und den Rücken zum Hinrichtungskommando, denn nach dem Urteil des Kriegsgerichts sollen sie von hinten erschossen werden. „Witzbolde“ lassen es sich nicht nehmen, Zurufe an die Todgeweihten zu richten: Na, du Rotznase, jetzt kriegst du, was du verdienst!“ „Laß deinen Hitler noch mal hochleben, in drei Minuten ist es zu spät!“ „Wie ist dir nun zumute, alter Strolch!“ Aus der Gruppe der schwarzberockten Bürger löst sich ein Priester, er eilt von Pfahl zu Pfahl, spricht einige Worte zu den Gefesselten und bietet ihnen das Kruzifix zum Kuß an. Vier der Sieben wenden sich ab und schütteln den Kopf. Der Priester tritt zurück. Zwei scharfe Kommandos ertönen, Karabiner rasseln, eine Salve peitscht auf. In dem Augenblick, der die sieben Opfer, im Rücken getroffen, zusammensinken läßt, bricht die Masse in frenetischen Jubel aus. Wollte man sagen, es gehe zu wie bei einem spanischen Stiergefecht, würde man die spanische Nation beleidigen – es ist das Geheul einer entfesselten Masse Mensch, das sinnlose, haßerfüllte und heulende Toben ehrfurchtsloser Horden, eines zusammengelaufenen Haufens , der sich am Anblick der Kadaver ergötzt, wie sie schlaff an den Pfählen hängen. Einige der Opfer zucken noch und bewegen Arme oder Beine wie grausige Hampelmänner. Ein junger Sergeant rennt von Pfahl zu Pfahl und verteilt Gnadenschüsse in die Schläfen oder ins Genick, je nachdem, wie es ihm am besten paßt. Das alles wird begleitet von taktmäßigem Händeklatschen, die Männer schwenken ihre Hüte, junge Frauen winken mit Taschentüchern oder Schals. Zweimal wiederholt sich dasselbe Schauspiel, es handelt sich um ein Drama in drei Akten, und das Volk kommt auf seine Kosten. Zum Schluß gibt es sogar noch einen unvorhergesehenen Zwischenfall. Beim dritten und letzten Schub wird einer der Verurteilten nur angeschossen, dagegen reißen die von Kugeln zerfetzten Stricke, die ihn am Pfahl festhalten. Der Getroffene, ein baumlanger Kerl von herkulischem Körperbau, dreht sich um und geht ein paar Schritte, schwankend, wie eine aufgezogene mechanische Figur, das Gesicht zur Sonne erhoben. Blutiger Schaum quillt ihm aus dem Munde. Das Publikum rast vor Entzücken. Hat man das je erlebt – ein Erschossener, der spazierengeht? „Packt ihn! Macht ihn fertig! A mort!, a`mort-!!“ Einen Augenblick lang herrscht Verwirrung bei den Gendarmen und sture Hilflosigkeit bei den Schwarzberockten, dann faßt ein Uniformierter einen mannhaften Entschluß: er läuft den Taumelnden seitlich an und stellt ihm ein Bein. Der stürzt, und schon knien zwei Gendarmen auf ihm, ein paar Pistolenschüsse, wahllos und unsicher hingeknallt, bringen das Ende.   ( 3 )

Auch die Geschichte der sog. Kollaborateure, hier der belgischen, ist ein Blatt im deutschen Schicksalsbuch.

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