Das Tor ging auf – Auschwitz 1945…

27 Jan

Ich nehme mich dieses Themas an, weil heute, am 27. Januar 2014, wieder der sog. Holocaust – Gedenktag begangen wird. Zu dem in einem Welt – Artikel erwähnten „Todesmarsch“, der mit dem Abmarsch der Häftlinge aus dem Lager begann, habe ich schon einmal einen Artikel im Vorgängerblog http://www.Metapolitika.wordpress.com eingestellt, den ich auch jetzt noch für interessant halte. Dabei stellt sich die Frage, ob von einer “Befreiung” überhaupt gesprochen werden kann angesichts der Tatsache, daß das Lager am 27. Januar 1945 bereits weitgehend aufgelöst war . Diesbezüglich zitiere ich einen Erlebensbericht des Lagerinsassen Bernard Klieger:

Das Tor ging auf..

“Eines Tages, 13. Januar 1945, war es so weit. Die russische Offensive hatte begonnen. Auf der gesamten Ostfront, von Kurland bis zu den Beskiden. Aus ihren Brückenköpfen bei Baranow südlich Warschau stießen die Russen vor. Fiebernd verfolgten wir die Meldungen, wissend, daß unser eigenes Schicksal nunmehr eng verbunden war mit den Kriegsereignissen. Das, was wir in den Zeitungen zu lesen bekamen, erfüllte uns mit freudiger Genugtuung, obwohl uns das Herz bang dabei klopfte. Wir erfuhren, daß die Russen durchgebrochen waren, daß sie sich Czenstochau näherten, daß sie vor Krakau stünden, und auch in den Westbeskiden, also südlich von uns, vorstießen. Auschwitz war nun von drei Seiten aus bedroht..Die Stunde von Auschwitz hatte geschlagen, aber auch unsere eigene. Jetzt mußte die Entscheidung über unser Schicksal fallen. Äußerlich war im Lager selbst nichts zu merken. Die Kommandos rückten beim Klange der Marschmusik wie gewöhnlich aus und ein. Appell fand allabendlich statt, und die SS tat, als ob nichts geschehen sei. Aber es ging ein Raunen und Flüstern durch das ganze Lager, und es schien uns, als ob selbst die Balken knisterten. Wie Schlafwandler gingen wir umher, mit halber Seele waren wir bereits im Jenseits. Dann fiel die Entscheidung – nicht unerwartet und doch plötzlich…Um 4 Uhr wurden wir alle geweckt , und man sagte uns, daß wir uns für den Abmarsch aus dem Lager bereithalten müßten. Die Würfel waren gefallen. Wir wurden also nicht umgelegt, sollten das Lager verlassen….Wir rüsteten fieberhaft für die Reise. Schlafdecken wurden zerrissen und Rucksäcke daraus angefertigt. Jeder suchte seinen persönlichen Kram zusammen, um ihn mitzunehmen. Decken wurden zusammengerollt und so geknotet, daß man sie um den Hals tragen konnte…Gegen 7 Uhr wurden die fünfzehnhundert Häftlinge gerufen, die auf der angefertigten Liste standen. Jeder von ihnen bekam so viel Wäsche, als er nur wollte. Neue Anzüge, Pullover, Mäntel gab man ihnen…Gegen 10 Uhr marschierten die fünfzehnhundert ab. Nachmittag gegen 2 Uhr mußten die anderen antreten. Zurück blieben nur noch die Blockältesten, Blockschreiber und verschiedene andere Personen, die man im Lager noch notwendig hatte. Auch an uns verteilte man neue Kleidungsstücke, und in der Kantine konnten wir soviel Zigaretten kaufen, als wir Prämienscheine hatten. Die Magazine von Auschwitz wurden geleert. Man gab die Sachen lieber uns, als daß man sie den Russen überließ. Außerdem sollten wir sie ja garnicht behalten, wir waren eigentlich nur Gepäckträger. In dem Lager, in das wir kommen sollten – man sprach von Groß – Rosen bei Liegnitz – würde man uns bestimmt wieder alles abnehmen. Man gab uns Seife, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten, gute, 72 %ige Kernseife, und wir stopften uns die Taschen damit voll. Streichhölzer wurden ausgeteilt, neue Schuhe, Pullover in feinsten Qualitäten. All das, was in Deutschland und sonstwo zu den größten Raritäten gehörte, war in den Magazinen von Auschwitz in Hülle und Fülle aufgestapelt. Die Blöcke 22 und 23 waren seit einigen Wochen von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Man hatte in ihnen Frauen aus Birkenau untergebracht, die man durch einen Zaun von uns isolierte. In den dadurch entstandenen geräumigen Höfen wurden wir nun zusammengepfercht. Die Frauen waren schon am Vormittag abtransportiert worden. Abends um 6 ließ man uns heraus. ..Gegen 10000 Menschen standen da, einer hinter dem anderen. Der Sinn dieser Anordnung wurde uns bald klar: Es wurde die Marschverpflegung ausgeteilt. Erst marschierten wir durch das Brotmagazin, und dann, nachdem jeder zwei ganze Brote erhalten hatte, kamen wir ans Tor, wo mit Kisten beladene Wagen standen, und empfingen dort eine Kilobüchse mit Fleischkonserven und einen Würfel Margarine. Dann schritten wir durch das Tor und wurden bei dieser Gelegenheit abgezählt: Vor dem Tor stellten wir uns in Marschkolonnen – in Fünferreihen – auf. Der Moment war gekommen, auf den wir so lange gewartet: wir verließen das Tor von Ausschwitz, um nie wieder zurückzukehren.”

(Bernard Klieger, Der Weg, den wir gingen, Reportage einer höllischen Reise, mit 10 Zeichnungen von Josette Cagnant, Verlag Codac Juifs, Bruxelles, 1961, S. 55 ff.)

Interessant ist im Gesamtzusammenhang, daß in den jetzt aufgetauchten 700 Privatbriefen Heinrich Himmlers keinerlei Hinweis an seine Ehefrau, eine von tiefsitzendem Judenhass erfaßte Frau, auf Massenmord in Auschwitz enthalten ist. Das verwundert, weil es schwerlich vorstellbar ist, daß Heinrich Himmler selbst seiner eigenen Frau nicht einmal einen verklausulierten Hinweis gegeben haben soll.

Hier noch ein bemerkenswertes Video:

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