Ein moralisches Desaster?

15 Okt

Zeit – online meint aus dem jetzt veröffentlichten Schriftwechsel zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz  einheidegger moralisches Desaster herauslesen zu können, indem das Medium diesen Briefen „ungeschminkte Selbstauskunft“ zur politischen Gesinnung und direkten und unverhohlenen Antisemitismus mit moralischer Selbstdeklassierung Heideggers entnimmt.

Er sei ein früher, leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus ohne spätere Läuterung gewesen. Zeit online wählt dafür nachfolgende Angaben zum Beleg:

Bereits Ende 1931 habe der damals 43-jährige Martin Heidegger seinem Bruder Mein Kampf zu Weihnachten geschenkt und den „ungewöhnlichen und sicheren, politischen Instinkt“ Hitlers gerühmt. PC- mäßig ist das natürlich moralisch höchst verwerflich, weil damit das christliche Weihnachtsfest kontaminiert wurde und Martin Heidegger sich sozusagen als Alter Kämpfer entlarvt hat. Andererseits ist zu beachten, daß die NSDAP im Reich damals bereits eine starke Stellung hatte und selbst PC – konforme Historiker Adolf Hitler ebendiesen Instinkt durchaus zugewiesen haben. Heidegger beobachtete und analysierte treffsicherer als viele andere Zeitgenossen.

Zeit – online wirft Martin Heidegger vor, das Minderheitenkabinett unter Franz von Papen 1932 eine „jüdische Verschwörung“ genannt zu haben. Daß den Juden ein solches Manöver gelungen sei, zeige, wie schwer es auf jeden Fall sein werde, gegen alles, was Großkapital und dergleichen Groß- sei, anzukommen. Ist die Annahme einer jüdischen Verschwörung mit der aufgezeigten Schlußfolgerung Antisemitismus? Abgesehen davon, daß dieser PC – Kampfbegriff m.E. völlig untauglich zum Nachweis von Herabwürdigen einzelner oder einer Gesamtheit von Juden ist, ist dieses Heidegger – Zitat dermaßen allgemein und unsustantiiert, daß daraus kein Nachweis zu führen ist. Da müßte schon Butter bei die Fische. Daß gegen das Großkapital nicht anzukommen ist, ist heute Allgemeingut und war es auch damals schon in weiten Kreisen, auch auf Seiten außerhalb der NSDAP, insbesondere in linken Kreisen.

Wenn Martin Heidegger am 13. April 1933 schrieb, es zeige sich ja von Tag zu Tag, in welche Größe jetzt Hitler als Staatsmann hinaufwachse. Natürlich ist das Lobhudelei eines Nationalsozialisten gegenüber seinem Führer. Andererseits aber auch fast schon systemkritisch. Denn wie konnte ein Mann wie Adolf Hitler „hinaufwachsen“. War er nicht schon von Anfang an auf der Höhe? Waren seine Fähigkeiten noch steigerungsfähig? Wieviele Menschen in Deutschland und der Welt sahen nach der „Machtübernahme“ mit „echter und tiefer Erregung“ (so Heidegger) dem Ende des Chaos in Deutschland und einer Neuordnung entgegen?

Zeit-online wirft Heidegger vor, er habe schon 1916 die „Verjudung unserer Kultur und Universitäten“ beklagt, wogegen „die deutsche Rasse“ viel „innere Kraft aufbringen“ sollte, „um in die Höhe zu kommen.“ Das heißt auf gut deutsch, daß die Deutschen am Boden liegen und wieder auf diesem speziellen Gebiet Einfluß erringen sollten. Angesichts der statistischen Verhältnisse diesen Antagonismus auszusprechen, spricht sicher nicht für eine Herabwürdigung von Juden, denn es handelt sich nicht um einen persönlichen Angriff mit Herabwürdigung. Letzteres ist selbstverständlich moralisch anfechtbar, denn jeder einzelne jüdische Mensch hat Anspruch auf Wahrung seiner Würde als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft.

Adam Soboczynski und Alexander Cammann für Zeit-online erkennen mangelnde Läuterung Martin Heideggers daran, daß er 1943 noch den Krieg analog zum Nationalsozialismus als Verteidigungskampf von „Abendland“ und „Deutschtum“ gegen die „große Bedrohung“ von „Bolschewismus“ und „Amerikanismus“ sah und sich fragte, warum „unsere Propaganda“ nicht den „Amerikanismus in all seiner Maßlosigkeit“ zeige. Ja,bloß analog, denn der Nationalsozialismus sprach von den USA als jüdischer Plutokratie und dem wahnsinnigen Roosevelt. Also keine fehlende Läuterung, sondern sogar Kritik wegen mangelnder propagandistischer Kritik am Kriegsgegner USA. Ich unterschreibe dieses Zitat Wort für Wort.

Daß Martin Heidegger im Juli 1945 alles für übel hielt und für schlimmer als zur Nazizeit, das dachten und wagten nicht wenige Deutsche damals auszusprechen. Viele äußerten auch ebenso wie der Philosoph Heidegger damals, die Vertreibung der Deutschen übersteige „alle organisierten Greueltaten von Verbrechern“ vor 1945 (geäußert 1946) Heute darf das angesichts der „Rechts“lage wegen der Strafandrohung des § 130 StGB erst garnicht mehr gesagt werden.

Ein moralisches Desaster? – Ja, ein politisch – geschichtlich – moralisches Desaster für die Zeit-online Redakteure Soboczynski und Cammann…

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